Im Gespräch

Veröffentlicht am: 13.02.2026

Lesezeit: 5 Minuten

Sechs Jahre Berliner Schulvertrag

Vor fünf Jahren gab uns Brita Tyedmers, damals Schulrätin in Berlin-Reinickendorf, Einblicke in ihre Erfahrungen mit dem Berliner Schulvertrag. Nun wollten wir von ihr – in ihrer aktuellen Funktion als Referatsleiterin in der Regionalen Schulaufsicht in Berlin-Lichtenberg – wissen, ob und inwiefern sich der Berliner Schulvertrag bewährt hat.

Porträtfoto von Brita Tyedmers
privat

Wie hat sich der Schulvertrag in sechs Jahren Praxis bewährt?

Brita Tyedmers: Es gibt bisher keine Evaluation der Wirksamkeit der Schulverträge. Aus meiner Erfahrung kann ich folgende Beobachtungen der letzten sechs Jahre formulieren: Der Schulvertrag wurde zunehmend als Steuerungsinstrument zwischen Schulleitung und Schulaufsicht akzeptiert. Die Schulvertragsgespräche wurden strukturierter und datengestützter. Gleichzeitig zeigte sich, dass der Schulvertrag in der Schulgemeinschaft als verbindliche Zielvereinbarung Anerkennung findet.

Die jährlichen Bilanzgespräche zwischen Schule und Schulaufsicht fördern die Reflexion: Welche Ziele wurden erreicht, welche nicht, wo ist nachzusteuern? Was braucht es im nächsten Jahr? Nach sechs Jahren ist es keine Frage mehr, ob ein Leistungsziel Teil des Schulvertrags ist. Es ist selbstverständlich.

„Nach sechs Jahren ist es keine Frage mehr, ob ein Leistungsziel Teil des Schulvertrags ist. Es ist selbstverständlich.“

Brita Tyedmers
Referatsleiterin Regionale Schulaufsicht in Berlin-Lichtenberg

Das Berliner Indikatorenmodell als Datenbasis

Was läuft gut?

Brita Tyedmers: Schulaufsichten nutzen konsequent Daten, um Stärken und Entwicklungspotentiale gemeinsam systematisch zu analysieren. Mit Blick auf die Sicherung der Bildungsqualität und die Herausforderungen der jeweiligen Schule werden Ziele vereinbart, deren Überprüfbarkeit durch erhobene Daten möglich ist.

Das Berliner Indikatorenmodell ist eine gute Datenbasis, da hier eine zeitliche Entwicklung für einzelne Daten dargestellt ist, um Entwicklungen an der Einzelschule zu analysieren. Seit zwei Jahren erhalten die Schulaufsichten auch die VERA-Ergebnisse der einzelnen Schulen. Daraus hat sich für die Schulaufsichten eine weitere Möglichkeit ergeben, datenbasiert zu beraten. Einige Schulen erheben inzwischen gezielt eigene Daten, um den Erfolg der angedachten Maßnahmen zu überprüfen. Die erste Skepsis bezüglich der Mehrarbeit hat sich spätestens dann gelegt, als dadurch der schulische Erfolg sichtbar wurde.

Wo musste oder muss nachgebessert werden?

Brita Tyedmers: Der Schulvertrag ist kein Selbstläufer. Der Erfolg hängt stark von der Umsetzung ab: Qualität der Zielsetzung, Kapazitäten der Schulen zur Datenarbeit, Unterstützung durch die Schulaufsicht. Strategische Ziele und Maßnahmen sollten zunehmend auf Daten basieren. Dabei bleibt laut Frau Prof. Dr. Sliwka jedoch die Urteilsfähigkeit von Lehrkräften, Schulleitungen und Schulaufsichten maßgeblich für das datengestützte Entscheidungshandeln. Daraus folgt, dass es einen regelmäßigen Austausch zur Professionalisierung im Umgang mit Daten geben muss.

„Um datengestützte Qualitätsentwicklung zielgerichtet umzusetzen, muss es gelingen, datengestützte Informationen in zielgerichtete Entscheidungen umzuwandeln.“

Brita Tyedmers
Referatsleiterin Regionale Schulaufsicht in Berlin-Lichtenberg

Datengestützte Informationen in zielgerichtete Entscheidungen umwandeln

Welche Unterstützung brauchen Schulleitungen aktuell?

Brita Tyedmers: Um datengestützte Qualitätsentwicklung zielgerichtet umzusetzen, muss es gelingen, datengestützte Informationen in zielgerichtete Entscheidungen umzuwandeln. Schulleitungen müssen in die Lage versetzt werden, Daten auf ihre Qualität zu prüfen, auszuwerten, zu interpretieren und Schlussfolgerungen für die Schulentwicklung zu ziehen. Die Bereitstellung digitaler Diagnose-Instrumente kann dazu einen Beitrag leisten. Wissenschaftliche Studien zeigen, dass der Wellbeing-Faktor einen großen Einfluss auf den Lernerfolg der Schüler:innen hat. Es bedarf passgenauer Fortbildungen und Ressourcen, die gezielt nach Bedarf an der Einzelschule darauf ausgelegt sind, das Wohlbefinden zu verbessern.

Was brauchen Schulaufsichtspersonen, insbesondere nach den Empfehlungen der BMK zur Rolle und Arbeit von Schulaufsicht aus Oktober 2025?

Brita Tyedmers: Kernaufgabe der Schulaufsicht ist die datengestützte Begleitung und Bilanzierung der Schulverträge und damit die Sicherung und Weiterentwicklung der Qualität an der Schule. Das heißt, ein Schulvertrag sollte nicht nur am Ende des Jahres bilanziert werden. Es bedarf regelmäßiger Beratungsgespräche zwischen Schulleitung und Schulaufsicht, um ggf. zusätzliche Unterstützung zu organisieren. Zudem sollte die Schulaufsicht Einblick in alle externen Daten der Schule haben, um eine zielgerichtete Beratung zu ermöglichen.

„Schulleitung und Schulaufsicht sollten ko-konstruktiv mit Fokus auf den Bildungserfolg der Schüler:innen zusammenarbeiten.“

Brita Tyedmers
Referatsleiterin Regionale Schulaufsicht in Berlin-Lichtenberg

Was sind Ihre Empfehlungen für Schulaufsicht und Schulen?

Brita Tyedmers: Es ist wichtig, die Schule als eigenverantwortliche Schule zu verstehen. Gleichzeitig bedarf es des Blicks auf die Qualitätsstrategie des Bundeslandes und des Auftrags, jungen Menschen Wissen, Fähigkeiten und Kompetenzen zu vermitteln, um ihr Leben selbstbestimmt gestalten zu können. Schulaufsicht sollte sicherstellen, dass die Ziele im Schulvertrag darauf einzahlen, sowie klar formuliert, nachvollziehbar und datenbasiert sind. Die Schulleitung sollte die vereinbarten Ziele in der Schulgemeinschaft kommunizieren und diese aktiv in die Umsetzung einbeziehen. Schulleitung und Schulaufsicht sollten ko-konstruktiv mit Fokus auf den Bildungserfolg der Schüler:innen zusammenarbeiten.

Das Berliner Indikatorenmodell ist ein qualitätsorientiertes Bewertungs- und Steuerungsinstrument, das Schulen anhand definierter Indikatoren in mehreren Qualitätsbereichen beschreibt. Es dient der datengestützten Schulaufsicht, der Schulentwicklung und der transparenten Qualitätsbewertung im Berliner Schulsystem.

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