Im Gespräch

Veröffentlicht am: 15.06.2026

Lesezeit: 9 Minuten

 

 

Themennetzwerke in der Schulentwicklung: Diversität und Inklusion gemeinsam stärken

Wie gelingt es Schulen, Vielfalt als Stärke zu nutzen und Inklusion gemeinsam voranzubringen? Eine praxisnahe Struktur für Austausch, Vernetzung und gemeinsame Schulentwicklung bieten Themennetzwerke. Am Beispiel des Themennetzwerks „Diversitätssensible und diskriminierungskritische Schulentwicklung“ im Berliner Bezirk Friedrichshain-Kreuzberg zeigt der Beitrag, wie Bedarfe erkannt, Lösungen entwickelt und nachhaltige Veränderungen im Schulalltag angestoßen werden können.

Uta Johst-Schrader und Katharina Keller vom SIBUZ Friedrichshain-Kreuzberg vor dem Banner der Einrichtung
SIBUZ Friedrichshain-Kreuzberg

Für viele Schulen in Friedrichshain-Kreuzberg sind Themen wie Diskriminierung, Vielfalt und Inklusion längst Teil des Alltags geworden, oft jedoch ohne klare Routinen oder erprobte Lösungen. Genau hier setzt das Themennetzwerk „Diversitätssensible und diskriminierungskritische Schulentwicklung“ an. Es bringt Schulleitungen, Fachkräfte und Institutionen zusammen, die ihre Erfahrungen teilen, gemeinsam nach Antworten suchen und konkrete Ansätze für die Praxis entwickeln. Was zunächst als Austausch unter einzelnen engagierten Schulleitungen begann, hat sich zu einem etablierten Netzwerk im Schulentwicklungsraum entwickelt, motiviert durch den gemeinsamen Bedarf, auf komplexe Herausforderungen nicht mehr allein reagieren zu müssen.

Begleitet wird das Netzwerk durch das SIBUZ Friedrichshain‑Kreuzberg (Schulpsychologisches und Inklusionspädagogisches Beratungs- und Unterstützungszentrum), das fachliche Expertise einbringt und zugleich die Verbindung zu weiteren Unterstützungsstrukturen herstellt. Wie diese Zusammenarbeit konkret organisiert ist, welche Themen aktuell im Fokus stehen und warum gerade die gemeinsame Arbeit im Netzwerk entscheidend für nachhaltige Schulentwicklung ist, berichten im Gespräch Uta Johst‑Schrader, Leitung des SIBUZ Friedrichshain‑Kreuzberg, und Katharina Keller, Mitarbeiterin des SIBUZ und beide Sprecherinnen des Netzwerks.

Netzwerk als verbindendes Element zwischen schulischer Praxis, Verwaltung und Steuerung

Frau Johst-Schrader, Frau Keller, wie ist das Themennetzwerk entstanden und warum genau an diesem Punkt?

Uta Johst-Schrader und Katharina Keller: Das Themennetzwerk ist aus einem konkreten Praxisbedarf heraus entstanden. Schulleitungen standen zunehmend vor komplexen Fällen von Diskriminierung, für die es weder klare Routinen noch ausreichend Austauschmöglichkeiten gab. Das Thema Diskriminierung ist an der Basis hochaktuell in den Schulen.

„Schulleitungen standen zunehmend vor komplexen Fällen von Diskriminierung, für die es weder klare Routinen noch ausreichend Austauschmöglichkeiten gab.“

Uta Johst-Schrader und Katharina Keller
SIBUZ Friedrichshain Kreuzberg, Sprecherinnen Themennetzwerk „Diversitätssensible und diskriminierungskritische Schulentwicklung“

Zunächst organisierte sich daher eine kleinere Arbeitsgruppe gemeinsam mit der Fachstelle für Diskriminierungsschutz. Hier wurden Einzelfälle aufgegriffen und in einen systematischen Erfahrungsaustausch überführt. Mit der Einführung der Themennetzwerke im Schulentwicklungsraum Friedrichshain‑Kreuzberg wurde diese Arbeitsstruktur formalisiert und erweitert. Ziel war es, Themen, die viele Schulen betreffen, strukturiert, institutionsübergreifend und mit Anbindung an bestehende Steuerungsstrukturen zu bearbeiten.

Heute umfasst das Netzwerk 17 Schulen im Bezirk. Die Beteiligung ist dabei weniger Ergebnis von Vorgaben als Ausdruck eines gemeinsamen Bedarfs. Die Menschen haben gemerkt, dass sie von diesen Fragen überfordert sind und ein großes Anliegen haben, sich darüber auszutauschen. Diskriminierungskritische Schulentwicklung lässt sich im schulischen Alltag kaum isoliert bewältigen.

Wer bringt sich in das Netzwerk ein und wie entscheidet sich, wer mit am Tisch sitzt?

Uta Johst-Schrader und Katharina Keller: Das Netzwerk ist multiprofessionell angelegt. Neben Schulleitungen sind Schulaufsicht, Schulsozialarbeit, koordinierende Fachkräfte, teilweise das Schulamt sowie weitere Fachinstitutionen beteiligt. Die Zusammensetzung orientiert sich konsequent an den jeweiligen Fragestellungen. So werden bei Bedarf weitere Akteur:innen eingebunden, etwa wenn rechtliche, organisatorische oder bauliche Fragen auftreten. Besonders deutlich wird dies bei strukturellen Themen. Fragen nach geschlechtergerechten Toiletten, barrierefreien Räumen oder sicheren Rückzugsorten führen dazu, dass auch der Schulträger einbezogen wird. Ebenso wurde die Schulaufsicht stärker eingebunden, als im Prozess zunehmend arbeitsrechtliche und organisationsbezogene Fragen aufkamen. Damit ist das Netzwerk nicht nur Austauschplattform, sondern ein verbindendes Element zwischen schulischer Praxis, Verwaltung und Steuerung.

„Das Netzwerk ist nicht nur Austauschplattform, sondern ein verbindendes Element zwischen schulischer Praxis, Verwaltung und Steuerung.“

Uta Johst-Schrader und Katharina Keller
SIBUZ Friedrichshain Kreuzberg, Sprecherinnen Themennetzwerk „Diversitätssensible und diskriminierungskritische Schulentwicklung“

Welche Themen beschäftigen die Schulen im Moment besonders intensiv?

Uta Johst-Schrader und Katharina Keller: Die Themen entstehen direkt aus dem Schulalltag. Aktuell steht besonders die Entwicklung einer tragfähigen Feedbackkultur im Fokus. Viele Schulen haben inzwischen Schutzkonzepte und Verhaltenskodizes entwickelt. Diese markieren jedoch nicht den Abschluss, sondern den Ausgangspunkt der Schulentwicklung. In der Praxis zeigt sich häufig eine Lücke zwischen formulierten Leitlinien und deren Umsetzung im Alltag. Die Entwicklung von Feedbackstrukturen wird deshalb als zentraler Hebel verstanden. Sie ermöglicht es, unbewusste Diskriminierung sichtbar zu machen, Rückmeldungen frühzeitig aufzugreifen und Konflikte niedrigschwellig zu bearbeiten.

Darüber hinaus arbeitet das Netzwerk regelmäßig an weiteren Themen auf unterschiedlichen Ebenen, wie etwa Machtverhältnisse im Schulalltag (z. B. Adultismus), diskriminierende Dynamiken im Kollegium sowie strukturelle Benachteiligungen einzelner Gruppen. Auch Fragen der räumlichen und organisatorischen Gestaltung von Schule werden dabei in den Blick genommen. Viele dieser Themen zeigen sich nicht nur in einzelnen Vorfällen, sondern in wiederkehrenden Mustern, die erst im schulübergreifenden Austausch deutlich werden.

Ausrichtung auf Praxisbezug und Weiterentwicklung

Wie läuft die Zusammenarbeit im Netzwerk konkret ab – was passiert in den Treffen?

Uta Johst-Schrader und Katharina Keller: Die Zusammenarbeit ist klar strukturiert und zugleich offen angelegt. Das Netzwerk trifft sich etwa sechs Mal im Schuljahr, häufig rotierend an verschiedenen Schulstandorten. Dadurch erhalten die Teilnehmenden Einblick in unterschiedliche schulische Rahmenbedingungen und Lösungsansätze.

Die inhaltliche Arbeit folgt einem wiederkehrenden Ablauf:

  1. Sammlung aktueller Herausforderungen aus den Schulen
  2. Vertiefung eines gemeinsamen Schwerpunktthemas
  3. Entwicklung von übertragbaren Ansätzen, Materialien oder Formaten

Charakteristisch ist dabei die konsequente Ausrichtung auf Weiterentwicklung. Der Austausch dient nicht dem Selbstzweck, sondern führt zu konkreten Ergebnissen mit Praxisbezug. Ziel ist es, etwas zu erschaffen, wovon dann alle Schulen im Bezirk tatsächlich profitieren.

„Der Austausch dient nicht dem Selbstzweck, sondern führt zu konkreten Ergebnissen mit Praxisbezug. Ziel ist es, etwas zu erschaffen, wovon dann alle Schulen im Bezirk tatsächlich profitieren.“

Uta Johst-Schrader und Katharina Keller
SIBUZ Friedrichshain Kreuzberg, Sprecherinnen Themennetzwerk „Diversitätssensible und diskriminierungskritische Schulentwicklung“

Was macht für Sie den besonderen Mehrwert dieser Netzwerkarbeit aus?

Uta Johst-Schrader und Katharina Keller: Der zentrale Mehrwert liegt darin, Einzelfälle in einen systemischen Zusammenhang zu stellen. Probleme werden nicht isoliert bearbeitet, sondern gemeinsam analysiert und in übergreifende Handlungsstrategien überführt. Die gemeinsame Bedarfsanalyse ermöglicht es, Unterstützungsangebote präzise an realen Herausforderungen auszurichten. Gleichzeitig entstehen Maßnahmen nicht „von oben“, sondern aus der Praxis heraus.

Ein weiterer Effekt ist die Veränderung der Zusammenarbeit zwischen den Schulen. Der Austausch ist geprägt von Offenheit und gegenseitigem Lernen. Erfahrungen, auch mit schwierigen Situationen oder gescheiterten Ansätzen, werden aktiv geteilt. Dadurch entsteht ein gemeinsamer Lernraum. Mittlerweile teilen Schulen ihre Erfahrungen gerne, von dem, was gut und was nicht gut geklappt hat.

„Der Austausch ist geprägt von Offenheit und gegenseitigem Lernen. Erfahrungen, auch mit schwierigen Situationen oder gescheiterten Ansätzen, werden aktiv geteilt. Dadurch entsteht ein gemeinsamer Lernraum.“

Uta Johst-Schrader und Katharina Keller
SIBUZ Friedrichshain Kreuzberg, Sprecherinnen Themennetzwerk „Diversitätssensible und diskriminierungskritische Schulentwicklung“

Für unterstützende Institutionen wie das SIBUZ bietet das Netzwerk zudem die Möglichkeit, Bedarfe frühzeitig zu erkennen und Angebote gezielt weiterzuentwickeln.

Wo stoßen Sie in der Arbeit an Grenzen oder auf typische Stolpersteine?

Uta Johst‑Schrader und Katharina Keller: Eine merkliche Herausforderung liegt in der Diskrepanz zwischen wachsender Relevanz der Themen und begrenzten Ressourcen. Während Diskriminierung und Diversität im Schulalltag zunehmend sichtbar werden, stehen weniger spezialisierte Unterstützungsangebote aufgrund von Kürzungen zur Verfügung. Ein Netzwerk dieser Größe braucht Menschen, die es strukturieren, koordinieren und sichtbar machen. Ohne diese Rolle wird die Arbeit schnell unübersichtlich und verliert an Wirksamkeit.

Herausfordernd ist zudem die inhaltliche Komplexität. Diskriminierung ist oft individuell erlebt und kontextabhängig. Entsprechend anspruchsvoll ist es, gemeinsame Verständnisse und verbindliche Handlungsweisen zu entwickeln.

Verlässliche Rahmenbedingungen und Ressourcen notwendig

Was braucht es, damit Netzwerkarbeit wirklich wirksam wird?

Uta Johst‑Schrader und Katharina Keller: Ein wesentliches Lernmoment aus der bisherigen Arbeit ist, dass Austausch allein nicht ausreicht. Nachhaltige Wirkung entsteht vor allem dann, wenn Ergebnisse in eine Form gebracht werden, die über das Netzwerk hinaus nutzbar ist – etwa durch Fachtage, Materialien oder strukturierte Handlungsansätze.

„Nachhaltige Wirkung entsteht vor allem dann, wenn Ergebnisse in eine Form gebracht werden, die über das Netzwerk hinaus nutzbar ist – etwa durch Fachtage, Materialien oder strukturierte Handlungsansätze.“

Uta Johst-Schrader und Katharina Keller
SIBUZ Friedrichshain Kreuzberg, Sprecherinnen Themennetzwerk „Diversitätssensible und diskriminierungskritische Schulentwicklung“

Diese Produkte erfüllen mehrere Funktionen gleichzeitig. Sie bündeln Erfahrungen, erleichtern Transfer in andere Schulen und geben der Netzwerkarbeit eine klare Zielorientierung.

Woran lässt sich langfristig erkennen, dass das Netzwerk etwas verändert?

Uta Johst‑Schrader und Katharina Keller: Langfristig zielt das Netzwerk darauf ab, diskriminierungssensible Schulentwicklung im gesamten Bezirk zu verankern. Im Zentrum stehen dabei die Ausweitung der Beteiligung auf weitere Schulen, der Aufbau tragfähiger Strukturen im Umgang mit Vielfalt sowie eine stärkere präventive Ausrichtung im Umgang mit Diskriminierung.

Was brauchen Sie, damit diese Arbeit auch in Zukunft gut weitergeführt werden kann?

Uta Johst‑Schrader und Katharina Keller: Für die weitere Entwicklung sind verlässliche Rahmenbedingungen entscheidend – insbesondere ausreichende personelle und fachliche Ressourcen sowie eine stabile Landschaft an Unterstützungsangeboten. Wir brauchen auch die Vielfalt der Akteurinnen und Akteure, diese Vernetzung bringt große Synergien.

Gleichzeitig zeigt die bisherige Arbeit, dass Netzwerke langfristig entlastend wirken können. Wenn Probleme frühzeitig erkannt und gemeinsam bearbeitet werden, lassen sich Eskalationen vermeiden und nachhaltige Lösungen entwickeln.

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