Aus der Praxis

Veröffentlicht am: 04.06.2026

Lesezeit: 8 Minuten

Vernetzung als Motor für Qualitätsentwicklung im Bildungssystem

„Vernetzt euch, vernetzt euch, vernetzt euch!“ – dieser eindringliche Appell von Martin Reichert, Leiter der Europaschule Rheinberg, bringt eine zentrale Erkenntnis aus der Zusammenarbeit der Dezernate von fünf Bezirksregierungen und Schulleitungen der nordrhein-westfälischen Gesamt-, Sekundar- und PRIMUS-Schulen auf den Punkt. Weit über eine organisatorische Zusammenarbeit hinaus geht es um einen grundlegenden Perspektivwechsel im Bildungssystem, in dem Kooperation, Vertrauen und gemeinsame Verantwortung zur Basis für nachhaltige Qualitätsentwicklung werden.

Schulaufsichtsdezernent Dirk Timmermann und Schulleiter Martin Reichert im Gespräch
DKJS/Jakob Erlenmeyer

Mehrmals im Jahr kommen die zuständigen Dezernate 44 der fünf Bezirksregierungen und die Schulleitungen der nordrhein-westfälischen Gesamt-, Sekundar- und PRIMUS-Schulen zusammen, um gemeinsam die Qualitätsentwicklung im Ganztag weiterzubringen. Entstanden sind die Kooperationen im Programm LiGa – Lernen im Ganztag, einer Initiative der Deutschen Kinder- und Jugendstiftung und der Stiftung Mercator, von 2016 bis 2024.

Die Erfahrungen aus Nordrhein-Westfalen zeigen exemplarisch, wie sich durch systematische Netzwerkarbeit die Zusammenarbeit zwischen Schulaufsicht und Schulleitung tiefgreifend verändern lässt – mit spürbaren Auswirkungen auf die Qualität schulischer Bildung und deren Wirksamkeit für Schüler:innen.

Im Video erzählen Dirk Timmermann (Schulfachlicher Dezernent bei der Bezirksregierung Düsseldorf) und Martin Reichert (Leiter der Europaschule Rheinberg), wie LiGa die schulaufsichtlichen Strukturen in Nordrhein-Westfalen wirkungsvoll verändert und ihre Zusammenarbeit nachhaltig weiterentwickelt hat.

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Schulaufsicht als verlässliche Partnerin

Ein zentrales Element dieses Transformationsprozesses ist der Rollenwandel der Schulaufsicht. Während diese traditionell vor allem kontrollierende und verwaltende Funktionen wahrnahm, entwickelt sie sich im Kontext von LiGa zunehmend zu einer professionellen Beratungseinheit. Schulaufsicht agiert heute stärker als „critical friend“, der Schulen nicht nur überprüft, sondern konstruktiv begleitet, Entwicklungsprozesse anstößt und Impulse gibt.

Diese Veränderung basiert auf einem erweiterten professionellen Selbstverständnis, das durch gezielte Qualifizierung unterstützt wurde. Im Rahmen des Programms wurden Schulaufsichten unter anderem zu systemischen Organisationsberaterinnen und -beratern weitergebildet. Dadurch sind sie in der Lage, komplexe Schulentwicklungsprozesse differenziert zu analysieren, unterschiedliche Perspektiven zu integrieren und passgenaue Unterstützungsangebote zu machen. Vertrauen, Rollenklarheit und dialogische Kompetenz erweisen sich dabei als relevante Erfolgsfaktoren.

Laut Dirk Timmerman, Schulfachlicher Dezernent bei der Bezirksregierung Düsseldorf, gehen die Dezernent:innen mittlerweile viel mehr in den intensiven inhaltlichen Austausch, vernetzen sich und die Schulen untereinander und sorgen so dafür, dass nicht alles mehrfach parallel entwickelt wird, sondern man gemeinsam daran arbeitet.

„Wir haben bisher Dienstbesprechungen mit 135 Schulleitungen eher nur informierend gemacht. Mittlerweile sind es Arbeitssitzungen. Die Kolleg:innen kommen in kollegialen Austausch und arbeiten themengebunden, was deutliche Qualitätssteigerung mit sich gebracht hat.“

Dirk Timmermann
Schulfachlicher Dezernent bei der Bezirksregierung Düsseldorf

In der Praxis führt dies zu einer Zusammenarbeit auf Augenhöhe. Schulen erleben Schulaufsicht nicht mehr als externe Instanz, die ausschließlich Anforderungen formuliert, sondern als verlässliche Partnerin. Dieses veränderte Verhältnis schafft die Grundlage für eine offene und ehrliche Auseinandersetzung mit Herausforderungen und Entwicklungspotenzialen.

Netzwerkarbeit als Strukturprinzip wirksamer Schulentwicklung

Der eigentliche Innovationskern von LiGa lag jedoch in der konsequenten Etablierung von Netzwerken als Strukturprinzip. Schulaufsicht und Schulleitungen treten regelmäßig in einen systematischen Austausch, der deutlich über klassische Dienstbesprechungen hinausgeht. Diese Formate wurden bewusst als Arbeits- und Entwicklungsräume gestaltet, in denen gemeinsam an konkreten Fragestellungen gearbeitet wird.

Dadurch verändert sich nicht nur die Qualität der Kommunikation, sondern auch die Logik von Schulentwicklung selbst. An die Stelle isolierter Einzelinitiativen tritt ein kooperativer Ansatz, bei dem Wissen, Erfahrungen und Lösungsansätze geteilt werden. Schulen profitieren voneinander, anstatt parallel ähnliche Herausforderungen getrennt zu bearbeiten. Die Schulaufsicht übernimmt hierbei eine moderierende und verbindende Rolle, indem sie Netzwerke initiiert, Zusammenhänge sichtbar macht und gezielt Kooperationen ermöglicht.

Die Wirkung dieser vernetzten Arbeitsweise ist erheblich. Entwicklungsprozesse gewinnen an Dynamik, da Erkenntnisse schneller verfügbar sind und direkt in die Praxis übertragen werden können. Gleichzeitig erhöht sich die Qualität der Ergebnisse, weil unterschiedliche Perspektiven einbezogen und gemeinsam reflektiert werden. Programmatische Ideen erreichen die Schüler:innen schneller und mit größerer Wirksamkeit, da sie nicht nur theoretisch entwickelt, sondern in kollegialen Prozessen in der Praxis erprobt und weiterentwickelt werden.

Ganztagsschule als Gestaltungsraum für Bildung und Teilhabe

Angesichts gesellschaftlicher Veränderungen ist Schule heute weit mehr als ein Ort der Wissensvermittlung. Kinder und Jugendliche verbringen einen erheblichen Teil ihres Alltags in schulischen Kontexten, wodurch Schule zunehmend Funktionen übernimmt, die früher stärker im familiären Umfeld verortet waren.

„Wir wollen den Ganztag so gestalten, dass er für die Schülerinnen und Schüler ein zweites Zuhause ist.“

Martin Reichert
Leiter der Europaschule Rheinberg

Damit wird der Ganztag zu einem zentralen Gestaltungsraum für Bildung, Erziehung und soziale Teilhabe. Eine qualitativ hochwertige Ganztagsschule eröffnet nicht nur zusätzliche Lernzeit, sondern auch Möglichkeiten für individuelle Förderung, Persönlichkeitsentwicklung und demokratische Teilhabe. Sie kann dazu beitragen, Bildungsungleichheiten zu reduzieren – oder diese im negativen Fall sogar verstärken.

„Das Schöne an der veränderten Rolle als beratende Schulaufsicht ist, dass ich meine Idee von guter Schule, die ich in vierzehneinhalb Jahren als Schulleiter entwickeln konnte, nun deutlich mehr in die Fläche tragen kann. Ich kann andere Schulleitungen davon überzeugen und sie dazu begeistern, für Kinder gute Schule zu machen. Das macht unglaublich zufrieden.“

Dirk Timmermann
Schulfachlicher Dezernent bei der Bezirksregierung Düsseldorf

Vor diesem Hintergrund wird deutlich, dass die Weiterentwicklung von Ganztagsschulen nicht allein auf Ebene der Einzelschule gelingen kann. Sie erfordert abgestimmtes Handeln auf allen Ebenen des Bildungssystems. Netzwerke schaffen hierfür die notwendige Infrastruktur, indem sie den Austausch zwischen Praxis und Steuerungsebene systematisch organisieren und dadurch Kohärenz im System herstellen.

Systemische Wirkung durch koordinierte Zusammenarbeit

Die Erfahrungen aus dem Programm zeigen, dass Netzwerkarbeit insbesondere auf der Ebene der Schulaufsicht eine bislang wenig genutzte Hebelwirkung entfalten kann. Schulaufsichten nehmen eine Schlüsselposition im Bildungssystem ein, da sie sowohl mit den Schulen vor Ort als auch mit der Bildungsverwaltung verbunden sind. Durch ihre Vernetzungskompetenz können sie Entwicklungen bündeln, Innovationen verbreiten und strategische Prozesse unterstützen.

Erstmals wurde im Rahmen von LiGa auch die Schulaufsicht selbst systematisch vernetzt. Der Austausch zwischen den zuständigen Dezernaten der Bezirksregierungen fördert ein gemeinsames Verständnis von Qualität und ermöglicht eine abgestimmte Steuerung. So entstehen Lernprozesse nicht nur auf Schulebene, sondern im gesamten System.

Gleichzeitig bringt diese Form der Zusammenarbeit auch strukturelle Herausforderungen mit sich. Zeitressourcen, personelle Kapazitäten und administrative Anforderungen können eine kontinuierliche Netzwerkarbeit erschweren. Dennoch verdeutlichen die positiven Effekte, dass sich die Investition in kooperative Strukturen langfristig auszahlt.

Partizipation als integraler Bestandteil von Netzwerken

Gute Schule entsteht nicht allein im Zusammenspiel von Schulleitung und Schulaufsicht, sondern durch die Beteiligung der gesamten Schulgemeinschaft. Schüler:innen, Eltern sowie pädagogisches Personal bringen jeweils eigene Perspektiven ein, die für eine ganzheitliche Schulentwicklung unverzichtbar sind.

„Durch die Vernetzung der Arbeit von Schulaufsicht und Schulleitung kriegen wir es deutlich besser hin, dass unsere programmatischen Ideen wirksamer und schneller bei Kindern ankommen. Denn genau dafür machen wir es ja: für Schülerinnen und Schüler in den Schulen.“

Dirk Timmermann
Schulfachlicher Dezernent bei der Bezirksregierung Düsseldorf

Die Abkehr von rein informierenden Formaten zugunsten dialogischer und partizipativer Prozesse stärkt nicht nur die Qualität von Entscheidungen, sondern auch die Identifikation mit den entwickelten Maßnahmen. Netzwerke fungieren dabei als Räume, in denen diese unterschiedlichen Stimmen gehört und miteinander in Beziehung gesetzt werden können.

Vernetzung als Voraussetzung für bessere Bildung

Die Erkenntnisse zeigen: Netzwerkarbeit ist kein ergänzendes Element, sondern eine zentrale Voraussetzung für wirksame Schul- und Systementwicklung. Sie ermöglicht es, Wissen zu teilen, Innovationen zu beschleunigen und Verantwortung gemeinsam zu tragen.

Der Wandel hin zu einer beratenden Schulaufsicht, die eng mit Schulleitungen kooperiert und Netzwerke aktiv gestaltet, trägt maßgeblich dazu bei, dass Bildungsqualität nicht nur punktuell verbessert, sondern systematisch weiterentwickelt wird. Letztlich steht hinter all diesen Bemühungen ein gemeinsames Ziel: bessere Lern- und Lebensbedingungen für Kinder und Jugendliche zu schaffen und Bildung so zu gestalten, dass Schule für Schüler:innen ein Ort wird, an dem sie sich entfalten können, an dem sie gefördert werden und an dem sie eine echte Chance auf Zukunft erhalten.

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