Im Gespräch

Veröffentlicht am: 22.10.2026

Lesezeit: 9 Minuten

 

 

Kulturresponsives Führungshandeln: Schulaufsicht als Change Agent für Vielfalt an Schulen

Wie kann Schulaufsicht dazu beitragen, Bildungschancen gerechter zu gestalten? Und welche Rolle spielt dabei kulturresponsives Führungshandeln? Im Rahmen des Projekts „Kulturresponsives Führungshandeln durch Schulaufsicht unterstützen“ (KulReF) gehen Schulaufsichten diesen Fragen gemeinsam auf den Grund. In zwei parallelen Werkstattreihen tauschen sich Schulaufsichten in vier Modulen bis April 2027 über ihre Führungspraxis aus, reflektieren bestehende Handlungsmuster und entwickeln neue Perspektiven. Wir haben mit Projektleiterin Claudia Schönsee von der Deutschen Kinder- und Jugendstiftung (DKJS) über die Idee hinter KulReF und die ersten Erfahrungen aus der Werkstatt gesprochen.

Porträtbild von Claudia Schönsee, Deutsche Kinder- und Jugendstiftung (DKJS)
Jakob Erlenmeyer

Frau Schönsee, was bedeutet „kulturresponsives Führungshandeln“?

Claudia Schönsee: Dafür nimmt man am besten den Begriff „kulturresponsiv“ einmal auseinander. Wichtig ist zu berücksichtigen, dass es sich bei „Kultur” eigentlich um das englische „cultural“ handelt – synonym könnte man hier „lebensweltorientiert“ nutzen oder auch von „lebenskulturell“ sprechen.

In „responsiv“ stecken eigentlich vier Schritte: etwas wahrzunehmen, darauf zu antworten, es zu verantworten und schließlich zu legitimieren.

„Kulturresponsives Führungshandeln“ ist also von einer klaren Haltung geprägt: einer Haltung, die kulturelle, sprachliche und soziale Vielfalt bewusst wahrnimmt, wertschätzt und in Entscheidungen, Kommunikation und Organisation aktiv berücksichtigt.

„Kulturresponsives Führungshandeln ist von einer klaren Haltung geprägt: einer Haltung, die kulturelle, sprachliche und soziale Vielfalt bewusst wahrnimmt, wertschätzt und in Entscheidungen, Kommunikation und Organisation aktiv berücksichtigt.“

Claudia Schönsee
Bildungsmanagerin Schule & Ganztag, Deutsche Kinder- und Jugendstiftung (DKJS)

Welche Relevanz hat das Konzept für unser Bildungssystem, und wo kommt es ursprünglich her?

Claudia Schönsee: In den Schulgesetzen aller Bundesländer finden sich Formulierungen zur Förderung der Chancengerechtigkeit. Auch die Kultusministerkonferenz (KMK) hat das Ziel formuliert: „Herkunft darf nicht über Zukunft entscheiden.“

Und gleichzeitig haben wir hier – nicht nur mit Blick auf die jüngst erschienenen Ergebnisse der PISA-Studie – noch einen weiten Weg vor uns. Schüler:innen aus marginalisierten Herkunftsmilieus – vor allem diejenigen mit (zugeschriebener) Migrationsgeschichte und diejenigen, welche von Armut betroffen sind – erfahren Diskriminierung, Abwertung und Scheiternserfahrungen und schreiben oft weniger erfolgreiche Bildungsbiografien.

Um dies aufzubrechen, braucht es einen Perspektivwechsel von: „Die Kinder müssen sich dem System fügen, das nicht ihres ist.“ hin zu: „Wir müssen das System so gestalten, dass alle Kinder darin erfolgreich lernen und wachsen können.“.

Der Ansatz des „Cultural Responsive School Leadership“ (CRSL) ist hierfür ein Instrument, das in den USA bereits erfolgreich umgesetzt wird. Im Projekt „KulReF“ schauen wir, was wir daraus für Deutschland lernen können und wie eine mögliche Übertragung auf das deutsche Bildungssystem aussehen kann.

„Es braucht es einen Perspektivwechsel. Von: ‚Die Kinder müssen sich dem System fügen, das nicht ihres ist.‘ hin zu: ‚Wir müssen das System so gestalten, dass alle Kinder darin erfolgreich lernen und wachsen können.‘.“

Claudia Schönsee
Bildungsmanagerin Schule & Ganztag, Deutsche Kinder- und Jugendstiftung (DKJS)

Warum ist Schulaufsicht die richtige Akteurin, um kulturresponsives Führungshandeln als Konzept und Haltung im deutschen Bildungssystem zu verankern?

Claudia Schönsee: Schulen benötigen bei Veränderungsprozessen systematische Unterstützung. Schulleitende an sozialräumlich benachteiligten Standorten benennen beispielsweise Unterstützungsbedarf bei der Förderung der Innovationsbereitschaft und der Motivation der Lehrkräfte zu Fort- und Weiterbildung. Befunde aus den USA zeigen, dass Schulaufsichten hier eine Schlüsselrolle haben: Sie können als Change Agents agieren und so Visionen für Verbesserungen entwickeln, andere von Veränderungen überzeugen, Widerstände abbauen, Menschen und Akteur:innen miteinander vernetzen und gute Praxis verbreiten.

Relevant hierfür ist, dass sich die Schulaufsichtsbeamt:innen ihrer Rolle bewusst sind und gezielt marginalisierende Praktiken in den Blick nehmen – auch bei sich selbst.

Manchmal agieren Schulen und ihre Leitungen auch schon längst in ihrem Alltag kulturresponsiv und stoßen dann auf verständnislose oder limitierende Schulaufsichten. Auch aus diesem Grund ist es wichtig, Schulaufsichten entsprechend zu sensibilisieren und zu qualifizieren.

Ganz wichtig ist uns zu sagen: Der Ansatz des kulturresponsiven Führungshandelns ist kein „Add-On“, nichts, was einfach hinzukommt. Sondern ein Instrument, ein Tool, das dabei unterstützen kann, die Aufgabe, die Schulaufsicht sowieso hat, besser und systematischer zu erfüllen.

„Schulaufsichten haben eine Schlüsselrolle: Sie können als Change Agents agieren und so Visionen für Verbesserungen entwickeln, andere von Veränderungen überzeugen, Widerstände abbauen, Menschen und Akteur:innen miteinander vernetzen und gute Praxis verbreiten.“

Claudia Schönsee
Bildungsmanagerin Schule & Ganztag, Deutsche Kinder- und Jugendstiftung (DKJS)

Wie sieht die Arbeit im Projekt KulReF dazu aus?

Claudia Schönsee: Wir arbeiten im Projekt in Kooperation mit einem Team der TU Dortmund rund um Professorin Esther Dominique Klein. Die Kooperation mit der Wissenschaft ist das Herzstück und auch das Besondere an diesem Vorhaben.

Die Kolleginnen der TU Dortmund haben zunächst in einer qualitativen Interviewstudie Schlüsselpersonen aus den USA – also Schulleitungen und sogenannte „District Administrators“, welche unseren Schulaufsichten in Funktion und Verantwortung sehr nahekommen – untersucht: Was macht CRSL eigentlich aus, und welche Gelingensbedingungen gibt es?

Mit unserem multiprofessionellen Expert:innenrat haben wir diese Ergebnisse diskutiert und geschaut, was für eine Übertragung auf das deutsche System wichtig ist.

Im nächsten Schritt fand eine Ist-Stand-Erhebung unter Schulaufsichten in Deutschland statt. Daher wissen wir schon einiges über bereits vorhandenes kulturresponsives Handeln, aber auch über Entwicklungsfelder. Auf dieser breiten Datengrundlage haben wir als Team der DKJS nun ein Format für Schulaufsichten in Deutschland entwickelt: Die KulReF-Werkstattreihe umfasst vier Module und läuft über ein halbes Jahr. Ausgehend von der Praxis der Teilnehmenden gestalten wir mit der Reihe einen geschützten professionellen Raum, um eigene Handlungspraxen zu analysieren, weiterzuentwickeln und gemeinsam mit den anderen Teilnehmenden zu reflektieren.

Auch hier ist das Team der TU Dortmund eng involviert: Die Werkstatt wird wissenschaftlich begleitet. Nach dem Durchlauf der beiden Reihen, die jetzt gestartet sind, können wir sehr genau sagen, was funktioniert hat und was vielleicht noch verbessert oder angepasst werden kann.

Für alle, die nicht an der Reihe teilnehmen, entwickeln wir außerdem ein Self-Assessment-Tool, das die Möglichkeit bietet, sich ein Bild vom eigenen Handeln und möglichen Entwicklungsfeldern zu machen.

Die Werkstatt-Teilnehmenden lernen und erarbeiten sich, wie Schulen ihre Schüler:innen aus marginalisierten Kontexten – und am Ende alle Schüler:innen – gezielt unterstützen können und wie sie als Schulaufsichten ihr Führungshandeln so gestalten können, dass sie Schulleitungen hierbei aktiv unterstützen können.

Die Werkstatt bietet, wie schon oben erwähnt, dabei einen Entwicklungsraum. Wir gestalten den Rahmen, die Teilnehmenden befüllen ihn selbst. Wir schaffen Reflexionsanlässe, geben Impulse und Denkanstöße. Auch zwischen den Modulen arbeiten wir mit Praxisphasen, in denen Dinge beobachtet oder erprobt werden sollen. Der Austausch und das Sichtbarmachen der vorhandenen Erfahrungen und Expertisen stehen dabei im Mittelpunkt und ermöglichen es den Teilnehmenden, voneinander zu lernen.

Ich bin schon sehr gespannt, wo wir im Frühjahr 2027 am Ende der Werkstattreihe stehen und was die Teilnehmenden für sich mitnehmen werden!

Wie sind bisher die Erfahrungen der Teilnehmenden mit der Werkstatt-Reihe?

Claudia Schönsee: Ich möchte gern eine Teilnehmerin der Werkstatt zitieren, die es, glaube ich, ganz gut in Worte fasst: „In der Theorie versuchen wir, unser Handeln immer an den Bedarfen der Schülerinnen und Schüler auszurichten und dazu beizutragen, dass alle die besten Bildungschancen erhalten. Wenn wir dies aber selbstkritisch betrachten, verschieben sich die Prioritäten im Alltag auch immer wieder woanders hin. Die Werkstatt-Reihe setzt genau hier an und unterstützt dabei, den Fokus wieder stärker auf den Bildungserfolg aller Kinder und Jugendlichen zu richten und gibt dazu fundiertes Know-how an die Hand.“

Dieser Kommentar macht noch einmal deutlich, was uns die Bestandsaufnahme schon gezeigt hat: Viele Ansätze zum kulturresponsiven Führungshandeln sind bei den Schulaufsichtsbeamt:innen vorhanden. Es geht vor allem darum, diese systematisch nutzbar zu machen, sie allen sichtbarer und leichter zugänglich zu machen und sie gezielter einzusetzen.

Die jeweils ersten der insgesamt vier Module beider Werkstattreihen liegen hinter uns. Was steht als nächstes an?

Claudia Schönsee: Der thematische Schwerpunkt des ersten Moduls lautete „Ungleichheit und Bildungsgerechtigkeit – mein Verständnis, meine Praxis als Schulaufsicht“. In den Arbeitsphase und Gesprächen bei den Werkstätten wurde deutlich, dass hier einiges in Bewegung gekommen ist: Die Teilnehmenden haben auf Grundlage der Themen, Inhalte und Fragen der Veranstaltung intensiv diskutiert und gemeinsam reflektiert sowie Erfahrungswissen miteinander geteilt. Im zweiten Modul schauen wir konkreter auf den Ansatz des kulturresponsiven Führungshandelns sowie auf das Thema Verantwortung und Rolle. Im dritten Modul stehen das Führungshandeln sowie das Anstoßen von Veränderungsprozessen im Fokus. Richtig spannend wird es dann nochmal im April 2027, wenn die beiden Teilnehmendengruppen aufeinandertreffen und vor allem der Blick nach vorn gerichtet wird: Die Erkenntnisse aus der Werkstatt sollen gebündelt und in nachhaltige Handlungsstrategien überführt werden.

Mich haben schon im ersten Modul der Gestaltungswille und die Motivation der Teilnehmenden begeistert. Ich bin mir sicher, dass sie in viele Richtungen etwas ins Rollen bringen werden!

 

Das Projekt KulRef – Kulturresponsives Führungshandeln durch Schulaufsicht unterstützen wird im Rahmen des Programms Integration durch Bildung durch das Bundesministerium für Bildung, Familie, Senioren, Frauen und Jugend und die Europäische Union über den Europäischen Sozialfonds Plus (ESF Plus) gefördert. Als Verbundprojekt wird es umgesetzt durch die Technische Universität Dortmund und die Deutsche Kinder- und Jugendstiftung.

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