Sie finden hier einen Gastbeitrag von Jörg Berger. Darunter können Sie sich seinen Impulsvortrag als Video anschauen. Zudem haben wir die wichtigsten Aussagen für Sie grafisch aufbereitet und zusammengefasst. 

Schulführung als gemeinschaftliche Aufgabe

Die Welt, in der wir leben, wird zunehmend volatil, komplex, unsicher und mehrdeutig. Schulen, die wir gestalten und Unterricht, den wir weiterentwickeln hat längst die Eindimensionalität verloren – als Lehrperson allein mit der eigenen Klasse und als Führungsperson als Einzelkämpfer:in befinden wir uns fortan auf verlorenem Posten.

Schülerinnen und Schüler in einer Schule des 21. Jahrhunderts bedürfen der Entwicklung ihrer überfachlichen Kompetenzen, sogenannte 21st-century-skills, 4 K , oder wie von Michael Fullan und seinem Team entwickelt, die six C’s – Character, Citizenship, Kommunikationsfähigkeit, Kollaborationsfähigkeit, kritische Denken und Kreativität.

Eine zeitgemäße Schule strebt nach Autonomie der Schülerinnen und Schüler und integriert ausdrücklich Schlüsselkompetenzen des 21. Jahrhunderts in ihre Programme. Dabei geht es nicht in erster Linie um die Digitalisierung von Unterricht und Schule, sondern vielmehr um einen (digitalen) Lernkulturwandel. Die dazu passende pädagogische Schulführung lässt sich nicht länger allein denken. Sie muss gemeinschaftlich erfolgen. In einer zeitgemäßen Schule, wie ich sie mir vorstelle, lernen die Lehrerinnen und Lehrer gemeinsam, initiieren Entwicklungen durch Selbstgestaltung, planen in Kooperation Kurse, sprechen miteinander über ihre Erfahrungen in der Lernberatung und wertschätzen ihre Zusammenarbeit und Erfolge gebührend.

Gemeinsames Verständnis von Schule

Vor diesem Hintergrund begleiten sie ihre Lerngruppen / Klassen und fördern diese in ihrer Selbstwirksamkeit und entwickeln deren Talente. Diese Aufgaben nehmen sie im Team und arbeitsteilig vor – entsprechend ihrer eigenen Stärken und im Sinne der Ressourcenorientierung. Mittels Wertediskussionen wird das gemeinsame Verständnis von Schule entwickelt. Dieses Verständnis bildet den Leitstern für die Unterrichtsteams in ihrer selbständigen Gestaltung von Unterricht und Zusammenarbeit.

An unserer Schule wird dies anhand von fünf Arbeitsweisen gelebt:

Entwicklungsteam

Plant gemeinsames Vorhaben, setzt dieses um und wertet es aus.

  • Interesse, Themen, Projekte klären
  • Sich kundig machen
  • Ziele festlegen (auch Ziele der Zusammenarbeit)
  • Umsetzung erarbeiten
  • Auswertung planen
Arbeitsteam

Erarbeitet Unterrichtsmaterial, stellt Lernzielkontrollen her usw.

  • Eigene Unterrichtsmittel herstellen
  • Thematische Werkstatt erarbeiten
  • Prototypen von Hausaufgaben entwickeln
  • Lernzielkontrollen erarbeiten
     
Evaluationsteam

Überprüft Entwicklungsvorhaben und holt Schüler-, Eltern- und Kollegial-Feedback ein.

Lernteam

Kollegialer Denkservice:

  • Fragen bearbeiten
  • Neue Sichtweisen und Lösungen entwickeln
  • Hinweise, Ideen und Tipps erhalten
  • Spezialitäten voneinander kennen lernen, daran teilhaben dürfen
     
Wertschätzungsteam

Ermutigung erfahren und Erfolge miteinander feiern:

  • durch gegenseitige Wertschätzung und Anerkennung
  • durch geteilte Probleme und Aufgaben
  • durch gemeinsame Erfolge
  • durch Stärkung der Selbstwirksamkeit
     

Damit sollen die Arbeits- und Lernleistung als auch die Zufriedenheit der Schülerinnen und Schüler und der Lehrerinnen und Lehrer steigen. Voraussetzung ist die Bereitschaft aller, mittels Feedbacks und gemeinsamer Reflexion die Qualität ihrer Arbeit verbessern zu wollen. Wer hier nicht committed, darf respektvoll aus dem Schuldienst verabschiedet werden.

Aufgabenfelder für die Zusammenarbeit in den Stufenteams

  • Vereinbarung von fachlichen und überfachlichen Bildungs- und Erziehungszielen
  • Festlegung gemeinsamer pädagogischer Grundsätze
  • Absprache der Unterrichtsinhalte in den Quintals- und Jahresplänen
  • Planung und Auswertung von Unterrichtseinheiten
  • Unterrichtsvorbereitung und Austausch von Unterrichtsmaterial
  • Ermitteln des Lernstandes, der Lernvoraussetzungen der Schülerinnen und Schüler
  • Beurteilung der Leistungen der Schülerinnen und Schüler (Vergleichbarkeit)
  • Besprechung von Schülerinnen und Schülern
  • Erzieherische Fragen wie soziale Ziele und Regeln
  • Zusammenarbeit mit Eltern (gemeinsame Information, Gesprächsgrundlage, Elternabend)

Reflexion der Zusammenarbeit in den Stufenteams

  • Die Lehrinnen und Lehrer reflektieren die Zusammenarbeit im Stufenteam und deren Wirkung auf die einzelnen Teammitglieder und auf die Zielerreichung.
  • In jedem Stufenteam kann es zu Spannungen zwischen den Bedürfnissen und Wahrnehmung einzelner Personen und den Ansprüchen und Wahrnehmungen des Teams kommen. Die Fähigkeit, diese Spannungen wahrzunehmen, zu reflektieren und sein Verhalten zu steuern, ist für die eigene Gesundheit unerlässlich.
  • Jedes Stufenteam reflektiert seine Zusammenarbeit einmal jährlich mit einem Coach.
  • Konflikte werden zuerst innerhalb des Stufenteams angesprochen und zu lösen versucht. Falls dies nicht gelingt, soll die Schulleitung beigezogen werden. Bei Bedarf kann die Schulleitung ein externes Coaching für einzelne Stufenteams bewilligen und anordnen.

Verbindlichkeiten

  • Für die Zusammenarbeit in den Stufenteams sind 1/5 der Vor- und Nachbereitungszeit einzusetzen. Dies entspricht 100 Jahresstunden oder 2.5 Stunden pro Schulwoche.
  • Jedes Stufenteam verfügt über eine zweckmässige Arbeitsplanung, die mit der Schulleitung besprochen wird.

Auswirkungen auf die Gesamtorganisation Schule

  • Stärkung der Persönlichkeit der einzelnen Lehrerinnen und Lehrer durch die Arbeit im Stufenteam
  • Gemeinsames Auftreten nach innen und aussen
  • Qualitätssicherung und Qualitätsentwicklung
  • Gesundheit der Schülerinnen und Schüler, der Lehrerinnen und Lehrer und der Schulleitung

Auswirkung auf einzelne Lehrerinnen und Lehrer

  • Entlastung und Stärkung durch ressourcenorientierte Rollenverteilung
  • Gegenseitige Unterstützung und Beratung
  • Weiterentwicklung des Unterrichts

Dies alles bedingt ein grundlegend verändertes Rollenverständnis von Lehrerinnen und Lehrern und eine grundlegend verändertes Führungsverständnis von Schulleiterinnen und Schulleitern sowie deren vorgesetzten Stellen bzw. Aufsichts- und Kontrollorganen.

Schülerinnen und Schüler als Hauptakteure und deren Eltern verdienen unsere volle Aufmerksamkeit. Dies erreichen wir, in dem wir auch den Lehrer:innen und den Schulleitenden Autonomie gewähren, damit diese selbstgestaltend das Geschick der eigenen Schule in die Hand nehmen.

Haltung und Werte manifestieren sich früh. Die Lehrer:innenausbildung muss dahingehend neu gedacht werden.

Die Schule als besondere soziale Organisation lässt sich nicht technologisieren. Sie soll sich vielmehr als lernende Organisation in einem Ökosystem verstehen.

«Students are the bigest game changer» (Michael Fullan) Wir sollten sie als diese ansehen und dies anerkennen. Wir sollten uns jedoch nicht entmutigen lassen und es auch versuchen!
 

Der Autor

Jörg Berger ist Geschäftsleitungsmitglied des Verbandes Schulleiterinnen und Schulleiter Schweiz VSLCH. Er leitet seit 2008 die Schule Knonau und das Netzwerk Altersdurchmischter Schulen im Kanton Zürich. Seit 2017 arbeitet er zudem im Zentrum Management und Leadership der Pädagogischen Hochschule Zürich und verantwortet dort den Blog „Schulführung“. 

Impulsvortrag im Videoformat: "Leadership und Professionelle Lerngemeinschaften"

Der Impulsvortrag auf einen Blick

© DKJS/K. Reetz
  • Erscheinungsdatum: 18.12.2020
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